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Der Tiger mit der Maus im Ohr
Ein Tiger ging einmal spazieren. Da traf er eine Maus. Weil er so einen Hunger hatte, fraß er sie auf. Als er so gesättigt war, legte er sich unter einen großen Baum und wollte ein Nickerchen machen. Doch was war das? Da rumpelte und piepste etwas in seinem Bauch. Nämlich das war die Maus, die wollte wieder raus.
"Nein, nein!" sagte der Tiger da. "Du gehörst jetzt mir und ich will schlafen." Daraufhin sagte die Maus: " Ich will aber raus. Sonst schneide ich dir den Bauch auf!" "Ihwo", lachte der Tiger, "du hast ja gar keine Schere, um mir den Bauch aufzuschneiden." "Aber spitze Zähne. Und mit denen kann ich dich zwicken und picken", antwortete die Maus und begann sofort mit der Arbeit.
"Au!" schrie der Tiger. "Hör sofort auf!"
Aber die Maus hörte einfach nicht auf ihn und knabberte immer weiter, bis ein klitzekleines Loch im Bauch war. Aber sie lief nicht direkt raus. Ganz still saß sie und wartete, bis der Tiger endlich eingeschlafen war. Dann erst schlich sie leise und vorsichtig durch das Loch, ohne dass der Tiger aufwachte. Sie stellte sich ihm direkt vor die Nase. Das wäre doch gelacht, dachte sie, wenn ich mich von dir so einfach fressen lasse. Da kennst du uns Mäuse aber schlecht! Noch ehe der Tiger sich rührte, krabbelte die kleine Maus seinen Hals entlang bis hoch zum Ohr. Da hockte sie sich rein und fing aus Leibeskräften an zu singen: "Das Ärgern ist der Mäuse Lust, das Ärgern ist der Mäuse Lust, das Ä-her-gern."
Der Tiger sprang hoch und riss sein Maul auf. Er wollte die Maus packen und fressen, aber das konnte er nicht. Tief drinnen saß die Maus und sang: " ... das Ä-her-gern."
"Hör auf!" flehte der Tiger. "Hör auf, ich kann das nicht mehr hören. Du tust mir weh!" Aber die Maus sang einfach weiter. Da musste dem Tiger schon was besseres einfallen, wenn er diesen Plagegeist wieder loswerden wollte. "Bitte Maus, komm raus aus meinem Ohr. Ich will dir auch niemals wieder etwas tun. Dir nicht und deiner ganzen Familie nicht. Nie wieder will ich Mäuse fressen. Das verspreche ich."
Endlich war Ruhe. Die Maus sang nicht mehr, aber es kribbelte und krabbelte immer noch fürchterlich in Tigers Ohr.
"Kommst du raus?" fragte er mit bettelnder Stimme.
"Ich komme erst raus, wenn du versprichst, dass du niemals wieder irgendein Tier fressen willst. Dass du immer nur noch Obst und Gemüse isst."
Der Tiger versprach alles und nickte dabei so heftig mit dem Kopf, dass die Maus aus dem Ohr heraus purzelte. Nun lag sie da, direkt vor Tigers Nase. Schnell stand sie auf, verschränkte die Arme vor der Brust und sagte: "Und, was nun?"
"Nun musst du mir zeigen, wo ich Obst und Gemüse finde", antwortete der Tiger. "Und du musst allen Tieren im Wald sagen, dass sie keine Angst mehr vor mir haben müssen. Vielleicht spielt dann auch endlich jemand mit mir."
Zusammen verschwanden die beiden zwischen den Bäumen.

November 2000
Kilian Lang
    
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