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Kilians Geschichte
Kilian ist ein Junge von acht Jahren. Seine Schwester Heike ist fünf Jahre alt und er hat auch noch einen kleinen Bruder, Mike, der ist drei Jahre alt. Kilian und Heike haben eine Hütte gebaut, Mike durfte zugucken, helfen konnte er natürlich nicht, denn er ist ja noch nicht so stark.
Plötzlich, mitten beim Bauen, stutzte Kilian: da war doch was im Gebüsch? Auf der anderen Seite des Baches raschelte etwas zwischen den Zweigen. "Guck mal da, Heike", rief Kilian ganz außer Atem, "ich glaube, ich habe dort drüben Kobolde gesehen!"
"Meinst du wirklich? Dann sollten wir schleunigst die Hütte fertig bauen, und über unseren Geheimgang entwischen."
Schnell verschwanden die drei Kinder im Schutz ihrer Hütte. Doch, oh weh, sie hörten die Kobolde kommen. Viele waren es und bald schon standen sie vor der Hüttentür und versuchten, sich Einlass zu verschaffen. Sie traten gegen die Bretter, dass es nur so schepperte. Gott lob, hatten Kilian und Heike ganz dicke Bretter benutzt, so schnell würden die Kobolde ihnen nicht folgen können.
Im Nu waren Kilian, Heike und Mike im Geheimgang verschwunden. Mike fing an zu weinen, aber Kilian tröstete ihn: "Hab keine Angst, gleich sind wir bei uns zu Hause."
"Das war eine gute Idee von dir, Kilian, den Geheimgang direkt in unser Haus führen zu lassen."
"Ich hoffe es, Heike. Hört sich so an, als hätten die Kobolde die Tür doch tatsächlich aufbekommen. Was, wenn sie uns folgen?"
In der Tat; die Kobolde hatten mit vereinten Kräften so lange an der Tür gezerrt und gerüttelt, dass die Schaniere ausrissen und die Tür mit einem lauten Krach in den Waldboden fiel. Aus dem Gehiemgang hörten sie Mikes Weinen. Blitzschnell waren auch die Kobolde im Tunnel verschwunden. Zu Hause schlichen Kilian und seine Geschwister aus dem Keller nach oben. "Da seid ihr ja endlich!" rief die Mutter aus der Küche. "Geht euch schon mal die Hände waschen, das Essen ist gleich fertig."
Mike wollte von den Kobolden erzählen, aber Kilian hielt ihn zurück: "Lass nur, Mike, sie wird uns sowieso nicht glauben."
Wenig später saßen die Kinder am Essenstisch. Das leise Fußgetappel, das sich da aus dem Keller nach oben bewegte, hörte wohl nur Kilian, er dachte sich seinen Teil, traute sich aber nicht, seine Mutter vor den Kobolden zu warnen. Ach, hätte er es doch getan. Den Nachtisch hatten sie noch nicht aufgegessen, als sie ihre Mutter von oben rufen hörten: "Wer war das?! Kilian, Heike, Mike - hochkommen!"
Erstaunt sahen die Geschwister sich an, doch es blieb ihnen nichts anderes übrig, sie mussten sich die Bescherung angucken. Die Kobolde hatten ganze Arbeit geleistet: Alles war durcheinander geworfen, Mamas Schmuck lag zerwühlt und teilweise kaputt auf dem Bett, die Zahnpastatube war auf der Fensterscheibe ausgequetscht worden, eine alte Socke steckte im Duschkopf, so dass kein Wasser mehr rauskam, Mikes Spielsachen waren zerbrochen, aber das war nichts im Vergleich zu dem riesigen Loch, das im Treppenhaus prangte. Die Kobolde hatten doch tatsächlich ganze Mauersteine rausgerissen. Da sah dann auch Mama, dass das niemand von den dreien gewesen sein konnte. Erstaunt und erschrocken zu gleich standen alle auf der Treppe und starrten durch das Loch nach draußen. Ganze fünfzehn Kobolde konnten sie zählen, die da durch das hohe Gras das Weite suchten. Sie lachten und riefen und einer von ihnen hatte Mikes Roboter und ein anderer sogar Kilians Lieblingsauto dabei.
"Das werden die uns büßen!" rief Kilian. "Aber wie?" "Mit Kobolden ist nicht zu spaßen." sagte Mama.
Kilian und Heike sahen sich überrascht an, sie hätten nicht geglaubt, dass ihre Mutter sich mit Kobolden auskennt.
"Wir müssen sie anlocken", sagte die Mutter jetzt. "Ganz wild sind sie auf Süßigkeiten. Lasst uns einen großen Schokoladenpudding kochen und auf die Veranda stellen. Dann kommen sie, und wenn sie an der Schale naschen wollen ... ja was machen wir dann?"
Kilian hatte eine Idee: Während Mama und Heike sich in der Küche zu schaffen machten, fingen Kilian und Mike kräftig an zu graben. Ein tiefes Loch sollte es werden, neben das sie den Pudding stellen würden. Mit Zweigen und Gras abgedeckt würden die Kobolde das Loch in ihrer Gier nach Schokopudding bestimmt nicht bemerken. Holter die Polter würden sie einer nach dem anderen in das Loch purzeln und Kilian würde schnell ein Gitter darüber legen. Die Burschen sollten sich umschauen.
Wenig später kam Heike mit dem Pudding, gerade als Kilian das letzte Gras zurechtzupfte.
Der Pudding roch herrlich. Die Kinder hatten kaum Zeit, sich hinter der Tischtennisplatte im Garten zu verstecken, als die Kobolde sich auch schon mit ihrem fiepsigen Geschnatter ankündigten. Als sie die große Schüssen sahen, fingen sie wie von Sinnen an zu laufen und einer nach dem anderen fiel in des Loch, die nachdrängenden schubsten die ersten immer weiter, bis nur noch der fünfzehnte Kobold am Rande stand. Kilian kam mit dem großen Gitter angerannt, schubste den letzten über den Rand und warf das Gitter über die laut fluchende Meute.
"Lass uns wieder raus!" riefen sie, aber Kilian, Heike und Mike dachten nicht daran.
"Wir versprechen auch, dass wir nie wieder was tun - gar keinem!" "Das kann ja jeder behaupten," lachte Heike. "Das glauben wir euch nie und nimmer."
Aber Kilian wurde ganz still. Er zog seine Schwester beiseite und flüsterte: "Weißt du denn nichts von dem Ehrenkodex der Kobolde? Sie dürfen nicht lügen. Niemals, denn wenn sie lügen, dann kommt die Koboldpolizei und sperrt sie in ein Loch, das noch viel kleiner und dunkler ist, als unseres. Glaubst du, die Kobolde hier würden lieber lügen und im Polizeiloch vergammeln, als ihr Versprechen zu halten?"
Heike stimmte Kilian zu, die Kobolde würden bestimmt niemandem mehr etwas tun. Vorsichtig hoben Heike und Kilian das Gitter an, ließen ein Seil hinunter und halfen den Kobolden nach oben. Einer nach dem anderen kletterte an dem Seil hinauf, bedankte sich mit einer umständlichen Verbeugung und liefen schwupp zurück in den Wald.
Fast war es schade, dass Kilian, Heike und Mike sie nie wieder zu Gesicht bekommen hatten, obwohl sie fast jeden Tag zu ihrer Hütte gingen und manchmal sogar Schokoladenpudding mitnahmen.

Kilian Lang, Juli 2001
    
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